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Gaststätte
Böttcher 1938
von Hans Dieter
Baroth
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Als bei Böttcher noch
getrunken wurde ! |
An den Sommertagen waren
Märsche zu hören. Sie klangen über den Hünenplatz bis in die Kolonie
in Richtung Waldfriedhof, sogar die damals wenigen Bewohner an der
Weidenstraße genossen unfreiwillig dieses Konzert.
Die
Bergwerkskapelle von Ewald-Fortsetzung übte bei geöffneten Fenstern
an den Abenden in einem Raum der Gaststätte Böttcher.
Nach
dem Abendessen kamen die Musikanten, die Pauke vor dem Bauch, die
Klarinette in der Hand oder die Trompete unter dem Arm geklemmt zu
Böttcher.
Im damals einzigen Kino der Stadt lief der
Abendfilm. Bei ruhigeren Szenen drang die Musik bis ins Kino. Es war
das wöchentliche Ritual in unserer Stadt, in der noch nicht das
Fernsehen die Menschen in den Wohnungen hielt. Wer es weit gebracht
hatte, besaß einen Zehnplattenspieler. Der Gastraum von Böttcher war saalartig groß. Wer
an der Theke stand oder an einem Tisch saß, bekam sein Konzert
gratis zum Bier. Die Bergwerkskapelle belegte ein breites
Spektrum unseres örtlichen Lebens, vom Schützenfest bis zur
Trauerfeier prägte sie das Bild. War ein Kumpel tödlich verunglückt,
zogen sie von der Leichenhalle am Pütt gelegen mit schwarzen Wedeln
auf den Tchakos im Trauerzug durch die Stadt bis zum
Waldfriedhof.
Gespielt wurden auf der Strecke wehmütige
Trauermärsche, am Grab dann das obligatorische Glück auf, auch "Ich
hatt einen Kameraden". Wenn die Familienmitglieder noch Abschied am
Grab nahmen, waren bis dort die Kommandorufe vor dem Friedhof zu
hören: Die Bergwerkskapelle baute sich auf für den
Rückmarsch.
Und dabei spielte sie zwischen Waldfriedhof und
Böttcher nur zackige Märsche nach der Devise: Das Leben geht weiter.
Vor der Gaststätte wurde noch der Speichel aus den Blasinstrumenten
zu Boden gelassen, hiernach folgte der ungeordnete Einmarsch bis zur
Theke. Der frühere Gastwirt Böttcher war ein national gesinnter
Mann. In den Feldern vor Flögels Hof jagte er mit Ärzten und
führenden Herren des Pütts Rebhühner. Nach seinem Tod wussten die
Musikanten durchaus, wie sie kostenlos zur ersten Runde kamen: Sie
spielten in der Gaststätte Böttcher seinen Lieblingsmarsch, und
tränenreich spendierte die Witwe hinter dem Thresen stehend für
jeden von der Kapelle ein Bier.
Es wurde noch zwischen
Export-Bier und Pils unterschieden. Pils war teurer. Wer bei
Böttcher saß oder an der Theke stand, erlebte die Musikanten am
Abend nach Trauerfeiern besonders ausgelassen.
Eine Tochter
der Frau Böttcher verkaufte für das Kino die Eintrittskarten, die
andere, beide der Mutter sehr ähnlich, war Platzanweiserin.
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