1939 Zwangsarbeiterlager in Rapen

Ulrich Müter, "Rapen, 850 Jahre historische Bauerschaft"

Das Lager lag an der Karlstraße zwischen Pflaumenallee und der Waschkaue des Schachtes IV/V. Es ist mit A auf der Karte gekennzeichnet.
Die ersten Baracken waren schon 1939 vor Kriegsbeginn aufgestellt worden. Im Sommer 1939 zogen dort Wehrmachts-Soldaten ein. Sie gehörten zu den Truppen, welche man in Erwartung des Westfeldzuges bereitstellte. Später übernahm die SS den Lagerkomplex. Sie sperrte osteuropäische Fremdarbeiter und russische Kriegsgefangene in die stacheldrahtumzäunten Holz- und Steinbaracken, um sie als Arbeitskräfte an die Bergwerksgesellschaft Ewald-Fortsetzung zu vermieten. Der Bergbau litt nämlich unter Arbeitskräftemangel, weil man viele Bergleute zum Kriegsdienst eingezogen hatte.

Gefangenenlager in Rapen, Stand 1951 nach dem Abriss einiger Baracken:

Bis 1945 mussten 77.800 Ruhrbergleute zur Wehrmacht. Zwangsarbeiter ersetzten sie.[69]  Bis 1944 wurde deshalb die Ewald-Fortsetzung-Belegschaft um 1700 Mann aufgestockt, zumeist mit russischen Kriegsgefangenen. Für sie hatte man drei Lager errichtet, eines davon in Rapen.[70].

Der Lageplan des Geländes zeigt 20 Gebäude. Vermutlich waren einige Baracken als Unterkunft der Wachmannschaften sowie als Lager bestimmt. Die größeren Baracken dienten den Zwangsarbeitern als Wohnung. Der Plan zeigt Baracken folgender Größen: ca. 8 x 40 m, ca. 8 x 30 m und ca. 8 x 35 m.[71] Die Steinbaracken hatten Kellergeschosse. Dort befanden sich unter anderem Arrestzellen mit ca. 1,20 x 2 m Grundfläche, wie Augenzeuge R.G. 1946 festgestellt hat.

Dass es den bedauernswerten Arbeitssklaven sehr schlecht ging, erzählen ältere Rapener. Ihre Verpflegung war miserabel. Wir lesen: "In der Grube arbeitende Kriegsgefangene und Ostarbeiter tauschen wegen Hungers Seife und einfaches Bastelwerk gegen Brot, Kartoffel und Gemüse."[72]  An anderer Stelle finden wir einen Hinweis darauf, dass die Gesundheit der Zwangsarbeiter keine große Rolle spielte. Wir lesen: "Arbeiter sind so rar, dass russische Kriegsgefangene ohne ärztliche Untersuchung in die Grube dürfen; die Untersuchung auf Wurmkrankheit soll später erfolgen." [73]  

Im Rapener Lager müssen bis zu 600 Gefangene gleichzeitig gelebt haben. Die Zahl kann als ziemlich sicher gelten, wenn man die Größen der Baracken mit andern Angaben über die nationalsozialistische Lagerpraxis vergleicht.[74] 

Französische Kriegsgefangene hatten, so wird erzählt (Pläne fanden wir bisher nicht), ein gesondertes Lager zwischen Karlstraße und Zechenbahn an der Holtgarde gegenüber der Gaststätte Tillmann. Die Franzosen behandelte man besser als die osteuropäischen Gefangenen. Sie konnten auch Pakete aus ihrer Heimat empfangen. Einzelne Gefangene durften schon mal bei den Rapener Bauern arbeiten. Oder sie schaufelten deutschen Bergleuten die Kohlen in die Keller, hackten Holz oder halfen bei der Gartenarbeit.

Die Deutschen Wachmannschaften im sogenannten Russenlager gingen äußerst brutal vor. Zeugen berichten, dass die Gefangenen unmenschlich gedemütigt wurden. Viele hätte man oft halb tot geprügelt. Zeuge R.G. "Als ich einmal über die Karlstraße spazierte, standen Gefangene in einer Schlange bereit zum Essenempfang. Da nahm sich der Wachmann K.E. einen Jungen, der vielleicht so alt war wie ich, heraus und verprügelte ihn furchtbar."

L.D bezeugt: "Ich habe als Jugendlicher gesehen, wie der Wachmann I.K. einen großen Hund, der sonst im Zwinger lag, ohne Maulkorb auf die Gefangenen hetzte. I.K. war ein ganz gemeines Subjekt. Vor 1933 hatte er, obschon er damals bei der Polizei war, im Gefängnis gesessen. Im April 1945 haben ihn die Russen gesucht. Er war aber untergetaucht. Dieser I.K. hat einen Russen aufs furchtbarste blutig geschlagen, nur weil er eine Runkel, die obendrein noch angefroren war, von Feld genommen hatte."

C.H. berichtet: "Die Russen waren unterernährt, wurden in der Grube aber zu höchster Arbeitsleistung angetrieben. Die nahmen alles vom Boden, was nur eben essbar war. Sie mussten oft über die Zechenbahngleise nach Erkenschwick zur Arbeit gehen. Unter den Wachmannschaften gab es richtige Schweine. Die legten schon mal eine Rübe oder Wurzel irgendwo neben die Bahnschienen und warteten nur darauf, dass einer sich danach bückte. Den schlugen sie dann ungeachtet seiner Schmerzensschreie unter wüsten Beschimpfungen bis er sich nicht mehr rührte."

Auf die Frage nach der Anzahl der Lagerinsassen antwortete C.H.: "Für 350 gab es Essen, mehr nicht, egal wie viele Gefangene im Lager waren. 300 Liter Wasser kamen in den Kochbottich und dazu wurde Dörrgemüse geschüttet, etwa soviel, wie in einen großen Farbeneimer passen würde. Die Russen waren nach einiger Zeit unheimlich aufgedunsen und hatten richtige Wasserköpfe.[75] Viele sind daran gestorben, meist bei der Arbeit in der Grube. Manche hat man auch zu Tode gepiesackt. Die Leichen  wurden in ein Laken gewickelt und irgendwo vergraben. Auf dem Waldfriedhof liegen nicht die meisten. Später gab man Nierenfett in die Suppe, damit die Leute mehr Leistung brachten"

Ab 1944 besserte man die Verpflegung ein wenig auf, weil der Nachschub an neuen Arbeitssklaven versiegte. Vorher hatte man nämlich an oberster Stelle in SS-Kreisen mit einer durchschnittlichen Lebensdauer der Gefangenen von ca. 270 Tagen gerechnet. In dieser Zeit sollten Gefangene bis zu ihrem geplanten Tod jeweils ca. 1600,-- Reichsmark Gewinn in die Kassen der SS bringen. An Verpflegungskosten waren je Tag 60 Pfennige vorgesehen. Dieser Betrag wurde, wie bereits berichtet, vor Kriegsende angehoben, damit die Gefangenen nicht so schnell starben.[76]

Vom oben erwähnten Dörrgemüse lesen wir: "Für die Lagerverpflegung baut man 1944 an der Zeche König Ludwig 7/8 am Ickerottweg in Suderwich, nahe den Becklemer Feldern, eine Trockengemüseanlage, in der maschinell gesäubertes Rohgemüse zerkleinert, heißluftgetrocknet und in Papiersäcken verpackt wird."[77]

"Das Dörrgemüse bestand aus Wirsing, Kappes und Rotkohl und als S.CH. die Verpflegung unter sich hatte, kam auch schon mal eine Schaufel Kies als Schikane in die Suppe", berichtet C.H.

Es wurde bereits berichtet, dass Gefangene auch außerhalb von Zeche und Lager arbeiteten. Deutsche durften aber keine Lebensmittel an die Gefangenen abgeben, "weil damit der Feind unterstützt wird". Trotzdem haben viele Rapener in jener Zeit von dem Wenigen, was sie selbst hatten, den Gefangenen etwas zugesteckt. Es wird aber auch von Nationalsozialisten berichtet, die den Gefangenen solche Liebesgaben wieder abnahmen und ihnen zusätzlich Prügel verpassten. Viele Bergleute haben den Zwangsarbeitern auf der Arbeitstelle Butterbrote zugesteckt und dafür gesorgt, dass sie diese auch essen konnten. An einigen Stellen, so auch an einem Weg oberhalb der Bergstraße, legten mitleidige Menschen immer wieder einige Kartoffeln, Gemüse oder anderes Essbare für die hungernden Lagerinsassen nieder, berichtete Zeuge E.R.  

Lagereingangsbereich, 
Stand 31. Mai 1944

Anmerkung: Die Namensabkürzungen wurden vom Herausgeber verfälscht. Sie stimmen nicht mit den Initialen der entsprechenden Personen überein.

Nachdem am Ostersonntag, den 1. April 1945, amerikanische Truppen einmarschiert waren, herrschte in der Rapener Bevölkerung große Furcht. Die Deutschen waren nun ihrerseits zum Freiwild geworden. Befreite Lagerinsassen suchten Rache und Nahrung. Auch einige Besatzer übertraten für kurze Zeit ihre Richtlinien und vergewaltigten und raubten. Die wirklich schuldigen Nationalsozialisten waren aber meist untergetaucht. Sucht man heute Unterlagen aus der damaligen Zeit in heimischen Archiven, so findet man praktisch nichts. Alles wurde vernichtet.

Die für Deutsche so schreckliche Zeit endete aber bereits im Sommer 1945. Man muss auch sagen, dass die befreiten Gefangenen sich - im Gegensatz zu ihren vormaligen Peinigern - durchweg wie Menschen benahmen. Vielleicht auch deshalb, weil sie in der langen Zeit ihres Leidens immer wieder mit deutschen Menschen Kontakt hatten, die ihnen halfen und ihrerseits die Scheußlichkeiten der NS-Wachtruppen verurteilten.

Die Wachmannschaften
Ständiger Terror, psychologisch-suptil und handfest-brutal angewandt, festigte die NS-Herrschaft. Das dazu benötigte Werkzeug schufen sich die Machthaber mit der SS und den anderen militärähnlichen NS-Organisationen. Sicher waren nur wenige Sadisten unter den Mitgliedern. Alle wurden jedoch zu äußerster Härte und Mitleidlosigkeit angehalten. Statt mit Argumenten zu überzeugen, sollte die andere Meinung mit roher Gewalt zerbrochen werden.[78] Dazu kam, dass in einem Lager, wie dem in Rapen, etliche hundert getretener, hungernder  und erniedrigter Männer auf unzureichend kleinem Raum in Schach gehalten werden mussten. Gewalt und Angst beherrschte jeden in dieser Hölle, auch jeden noch so biederen NS-Wachmann. Was waren denn das für Leute, aus deren Mitte man die Schergen rekrutierte?

Lassen wir einen SA-Mann sprechen: "Wir werden später vom Führer Arbeit bekommen, die leicht ist, Arbeit bei der Polizei oder sonst irgendwelche Vergünstigungen." Und was waren das für Vergünstigungen? Vier- bis fünfmal die Woche nach der Arbeit Dienst, Geländelauf, Stechschritt üben, Hitlerlieder singen, parieren, 10 km Märsche mit Gepäck und sonst dergleichen. Sie fühlten sich als Elite, waren aber Betrogene.[79] Bei all dem verloren sie ihren gesunden Menschenverstand und vergaßen bei Trinkgelagen die eigene Misere. Dazu kam, dass geschickt-teuflische Terror-Gesetze ihnen suggerierten, unmenschliches Handeln sei Rechtens. Im Lager waren sie Teufel und zu Hause die nettesten Menschen. Man hatte ihr Bewusstsein gespalten. Sie waren Komplizen einer 
verbrecherischen
Staatsführung. Im Anfang waren sie ehrlich überzeugt, was sich aber änderte, wenn sie merkten, worauf sie sich eingelassen hatten. Den meisten fehlte dann der Mut zum Aussteigen.  

Warum erinnern?
Die Mehrheit der Rapener fügte sich notgedrungen, stand aber nicht auf seiten der braunen Schergen. Viele haben trotz Bedrohung durch die damaligen Machthaber das Los der geschundenen Lagermenschen lichtblickhaft, wenn auch nur für ganz kurze Augenblicke, verbessert. Vergessen wir das nicht!

Es gibt noch einen Grund, sich an die Hitlerzeit zu erinnern. Am Volkstrauertag gedenken wir an erster Stelle der vielen Kriegstoten. Darunter viele Rapener, die noch leben könnten, wenn Hitler nicht den unsinnigen Krieg herbeigeführt hätte. Genauso wie wir um diese trauern, dürfen wir jene, die an der Karlstraße unter schlimmsten Bedingungen sinnlos zu Tode kamen, nicht vergessen. Beide Gruppen haben letztlich in ihren jeweiligen Familien große Lücken hinterlassen, hier in Rapen und in der Heimat jener bedauernswerten Osteuropäer.

Was später mit dem Lager geschah.
Nach 1945 wurden die beim Luftangriff zerstörten Baracken wieder aufgebaut. Noch bis nach 1950 diente das Lager Obdachlosen, Flüchtlingen und auswärts angeworbenen Bergarbeitern als Quartier. Einige der Holzbaracken zerlegte man und baute sie woanders wieder auf. Sie wurden als Vereinsheime, Betriebs- und Verwaltungsgebäude oder auch als Wohnungen und Schulen verwendet.

 
[69] Chronik 1899-1988, Zeche Ewald-Fortsetzung, Bergwerk Haard, Manuskript, Seite 99
[70]  Geschichte der Bergwerke Ewald-Fortsetzung,  Bergwerk Haard 1992, Seite 100
[71] Lageplankopie aus dem Unterlagen-Bestand der RAG Blumenthal/Haard, Stand Februar 1951
[72] Geschichte der Bergwerke Ewald-Fortsetzung,  Bergwerk Haard 1992, Seite 96
[73] Chronik 1899-1988, Zeche Ewald-Fortsetzung, Bergwerk Haard, Manuskript, Seite  104
[74] Der SS-Staat von Eugen Kogon, Kindler Verlag, München 1946 und Bertelsmann Buch Nr.             884, Seiten 77 und 97
[75] Dystrophie, Abmagerung bei gleichzeitiger Wassereinlagerung ins Gewebe, hatten auch viele            Deutsche in russischer Kriegsgefangenschaft
[76] Der SS-Staat von Eugen Kogon, Kindler Verlag, München 1946 und Bertelsmann Buch Nr.             884,  Seiten 360,361
[77] Geschichte der Bergwerke Ewald-Fortsetzung, Bergwerk Haard 1992, Seite 100
[78]  Der SS-Staat, Eugen Kogon, Kindler Verlag, München 1946 und Bertelsmann Buch Nr. 884,           Seiten 23 bis 35
[79] Antifaschistischer Widerstand, Michael  Zimmermann, Vestische Zeitschrift 1983/84, Seite 43

   

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