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56 Jahre nach dem
Ende des Zweiten Weltkriegs bringen nun Akten aus dem britischen
Militärarchiv in London Licht in einen dunklen Punkt der
Oer-Erkenschwicker Stadt- beziehungsweise Zechengeschichte. Denn: Auch in
der Stimbergstadt gab es fünf Arbeitslager, in denen tausende
Kriegsgefangene, aber auch Zivilisten aus den damaligen Feindländern
untergebracht waren. Sie wurden zur Arbeit auf der heimischen
Schachtanlage gezwungen. Welche Misshandlungen die Gefangenen zu erleiden
hatten, das geht aus den Akten eines Gerichtsverfahrens, das 1949 in
Recklinghausen unter anderem gegen den damaligen Zechenchef stattfand,
hervor.
"Ich kann über die Verhältnisse in den Lagern berichten.
Insbesondere möchte ich das Benehmen des damaligen Lagerkochs vortragen.
Obwohl er Koch war, kam er oft in unsere Stube und schikanierte uns",
sagte beispielsweise ein damals 23-jähriger Ukrainer (alle Namen, auch die
der Beschuldigten, sind der Redaktion bekannt) während des Prozesses als
Zeuge aus.
Nach Schnaps besonders grausam. "Wenn er
irgendetwas zu bemängeln hatte, schlug er gleich auf uns ein und bedrohte
uns auch mit der Pistole, die er in die Hand nahm. Schläge gab es alle
Tage. Besonders grausam war er, wenn er Schnaps getrunken hatte. Wenn
jemand von uns Schnaps hatte, so nahm er diesen an sich und trank ihn
selber. Der Mann musste dann mit ihm in den Keller, der unter der Küche
lag. Der Mann bekam soviel Schläge, bis er blutig oder zusammengebrochen
war. Es ist auch vorgekommen, dass der Koch mit einem Wachmann einen
Hund auf uns hetzte."
Ein weiterer Zeuge, der sich selbst als
"rechte Hand" des damaligen Bergwerksdirektors bezeichnete, gab folgende
Aussage zu Protokoll:
"Ich entsinne mich genau des
Telefongesprächs, das der Werkschef mit einem Wachmann führte. Das Telefon
klingelte, der Werkschef nahm den Hörer auf und nahm die Meldung des
Wachmanns entgegen, dass der in der Nacht einen Russen erschossen habe.
Der Werkschef erwiderte etwa: Es ist großartig, dass sich einmal endlich
einer gefunden hat, der den Mut hatte, zu schießen. Passen Sie weiter gut
auf. Zur Belohnung bekommen Sie Schnaps und Zigaretten."
In der
beglaubigten Übersetzung einer weiteren Zeugenaussage steht zu lesen:
"Anfang 1945 erfuhr ich, dass in der Haard mehrere Personen erschossen
worden waren. Ich habe versucht, hierüber näheres zu erfahren. Unser
Telefonist hörte ein Gespräch zur damaligen Zeit ab, in welchem gesagt
wurde, dass in der Nähe der Scheinzeche russische Kriegsgefangene
erschossen worden seien und dass der deutsche Soldat, der sich geweigert
habe, die Russen zu erschießen, ebenfalls erschossen worden sei. Später bildete sich eine Kommission, die das Massengrab ausfindig machte.
Ich selbst gehörte auch hierzu."
Erschossene auf Friedhof
beerdigt Unter Hinzuziehung eines Arztes soll damals festgestellt
worden sein, dass die Gefangenen mit Genickschüssen hingerichtet wurden.
Die Erschossenen wurden später auf dem Friedhof beerdigt.
Die die
Vorwürfe bestreitenden Angeklagten des "Ewald-Prozesses" kamen nur zum
Teil und auch nur für wenige Monate in Haft und wurden schließlich gegen
Zahlung einer vergleichsweise geringen Geldstrafe freigelassen. Angeklagt
waren sie schon damals wegen "Verbrechen gegen die
Menschlichkeit".
Fünf Lager gab es in Oer-Erkenschwick. Wann sie
genau entstanden, vermag heute kaum jemand mehr genau zu sagen. Nach
Kriegsende wurden sie aufgelöst. Das berüchtigste war das
Kriegsgefangenenlager 5, das sogenannte Lager "Stalingrad". Bis zu 1000 russische Gefangene
waren hier in fünf Steinbauten untergebracht und wurden von der Wehrmacht
bewacht. Heute tun an dieser Stelle Feuerwehrleute ihren
Dienst.
Vier Lager existierten in Rapen auf dem Bergwerksgelände
Schacht IV/V. Zivilisten und Soldaten aus Belgien, Frankreich, Polen und
Russland vegetierten hier in Stein- und Holzhütten. Pro Lager mehrere
hundert.
Das alles geht aus Prozessakten hervor, die der Stadt
jetzt über den Westdeutschen Rundfunk vom Londoner Militärarchiv zur
Verfügung gestellt worden sind. Die Schriftstücke sollen bald dem
Stadtarchiv übergeben werden und sind dann "öffentlich".
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