1189Auffindung der verschollenen Erdburg Oer
Karl Brandt, Herne
Vestisches Jahrbuch 1964/65, S.7ff

 

In der Geschichte des Vestes haben die Herren von Oer einmal eine große Rolle gespielt. 1) Der erste den wir aus diesem Geschlecht kennen, ist ein Heinrich v. Oer der 1189 als Zeuge bei der Beilegung eines Streites zwischen dem Kölner Gereonsstiftes und ihren Zehnpflichtigen auftritt. 2) Zu der Zeit müssen die Herren v. Oer noch auf ihrem Sitz, auf ihrer Stammburg in Oer gesessen haben. Zweihundert Jahre später haben sie ihren Sitz auf der Horneburg und geraten dann als mächtige Herren mit ihrem Landesfürsten, dem Erzbischof von Köln, in einen erbitterten Kampf, der schließlich mit ihrer Vertreibung aus dem Vest endete. 3) An welcher Stelle hat nun jene Stammburg in Oer gestanden? Und was geschah mit ihr nach der Ubersiedlung zur Horneburg?

Mit diesen Fragen hatte sich vor allem Hauptlehrer Kollmann in Oer-Erkenschwick beschäftigt. Im Jahre 1964 kamen wir überein, im Herbst auf dem mutmaßlichen Burggelände in Alt-Oer eine Such- und Probegrabung durchzuführen. Am 16. November 1964 war der feierliche Tag, an dem wir mit mehreren Helfern den ersten Spatenstich durchführten. Wir hatten Erfolg. In den Wochen der Ausgrabungen herrschte zwar sehr schlechtes Wetter; Regen und Wind schienen uns davon abhalten zu wollen, dem Erdboden seine Geheimnisse zu entreißen. Wir ließen uns aber nicht aufhalten. Karl Kollmann erschien jeden Tag bei uns und konnte sich jeden Tag mehr freuen, besonders als drei fast ganz erhaltene Krüge der Siegburger Steinzeugkeramik zu Tage kamen. 4)

Nach acht Tagen waren wir soweit, daß eine Besichtigung der maßgeblichen Herren und der vestischen Presse stattfinden konnte. U. a. waren anwesend F. Böhmer von der Kreisverwaltung, Dr. H. Grochtmann aus Datteln, natürlich K. Kollmann und einige seiner Heimatfreunde. Nachdem Dr. Grochtnann einen geschichtlichen Überblich gegeben hatte, erläuterte der Verfasser den Stand der Ausgrabung. Durch die Presse erhielt auch die breite Öffentlichkeit davon Kenntnis. Denn es ist nicht unwichtig, daß sie an den Ergebnissen der Wissenschaft des Spatens Anteil nimmt.

Abb. 1: Blick von der Erdburg Oer (Erdhaufen unten rechts) nach
Nordwestnord, auf den Kaninchenberg

Was sind denn nun die bisherigen Ausgrabungsergebnisse? Da sei zunächst darauf hingewiesen, daß es sich um eine Probeausgrabung handelt, die samt Zuwerfen der langen ausgehobenen Suchgräben vier Wochen währte. An der Grabungsstelle befinden wir uns im westlichen Teil von Alt-Oer, wenig südöstlich des bekannten Kaninchenberges 5), in einer langen und breiten Bachaue des nördlichen Armes des Silver- oder Großen Baches 6), Zwischen diesem und dem südlichen Arm liegt Alt-Oer. Unser Gelände gehört zu den am tiefsten liegenden Ortlichkeiten in Oer. Diese Tatsache und der Bach boten wichtige Voraussetzungen für die Anlage einer Burg, weil der Bach die Gräften speiste und der Grundwasserspiegel hoch lag. Zudem war das Gelände groß genug, für eine umfassende Burganlage, denn um die besonders geschützte Herrschaftsburg lagen noch Vorburgen, Wirtschaftsgebäude, wie Ställe, Werkstätten und Wohnungen für die Bediensteten. Sie waren ebenfalls geschützt durch Gräften und wahrscheinlich auch durch Erdwälle, in die Palisaden eingegraben waren.

Ergebnisse der Ausgrabungen

Als wir uns entschieden hatten, an einer bestimmten Stelle den Spaten anzusetzen, legten wir zuerst von Westen nach Osten einen mehrfach unterbrochenen Suchgraben von über 70 m Länge und 1,25 m Breite an. Er führte zunächst durch eine bis 20 m breite Gräfte und dann zum Burghügel, über diesen noch ein Stück nach Westen an den westlichen Rand des Burg hügels samt Gräfteufer. Um möglichst wenig von der eigentlichen Burg-fläche,  also der Hügeloberfläche zu zerstören, haben wir südlich und nördlich weitere Suchgräben nur am Rand der Burgstätte ausgehoben. Eine Ausnahme bildete der südliche Suchgraben, den wir vom Burgrand über 18 m weiter nach Süden anlegten, um hier die Breite der Gräfte festzustellen; hier war sie nur 15 m breit. Da schon bei 0,80 m Tiefe das Grundwasser erschien, war die genaue Tiefe der Gräfte um den Burghügel nicht festzu stellen. Versuche ergaben eine Tiefe von 1,50 und 2 m. Dies scheint wohl die allgemein übliche Tiefe der Gräften an Erdburgen gewesen zu sein; sie wurde auch an den Erdburgen Strünkede und Sienbeck von uns festgestellt.

Die Burggräfte ist allmählich auf natürliche Weise »zugewachsen«. Das zeigte deutlich die Ausgrabung. Ganz unten lag eine Schicht aus moorigen Bestandteilen, die sich teils aus Pflanzenresten zusammensetzte. Darüber kam eine schwärzliche sandige Schicht und schließlich etwa 0,80 m mächtige Auelehme (Überschwemmungsschlick) von bräunlicher Farbe mit dünnen Sandbänken dazwischen. Nach oben abgeschlossen wurde diese Schichtenfolge durch aufgekarrten Humusboden. Das gesamte Gelände (Bachaue) ist immer Weide gewesen, wurde aber häufiger im Verlaufe vieler Jahrhunderte überschwemmt, wie die Auelehme, sowie die Sandbänder dazwischen beweisen. Schon aus diesem Grunde mußte die Burg auf einem Hügel liegen.

Dieser kam allmählich durch das gleichmäßige Anwachsen des Bodens ringsum mit der Umgebung gleichhoch zu liegen und war daher an der Oberfläche nicht zu sehen; man konnte die Burgfläche nur »ahnen«. Die Gräfte verlief im Kreise und somit war die Burgfläche rund. Sie hatte einen Durchmesser von etwa 15 m. Diese Feststellung war leicht zu treffen, weil ringsum am Rande der Burgfläche, zum Teil auf dem inneren Gräfterand liegend, ein rund 3 m langer und bis 0,60 m dicker Streifen roter Brand 5chutt lag, der viele Tongefäßreste enthielt. Die rote Farbe des Brandschuttes rührte her von unzähligen Bröckchen Ziegelsteinen, die durch die Hitze des Brandes zerkleinert worden sind. Eines der Burggebäude ist also ab gebrannt. Höchstwahrscheinlich war das ein Turm, der aus Fachwerk erbaut auf einem Fundament aus feldgebrannten Ziegelsteinen gestanden haber dürfte. Eine Burg dieser Art bestand im hohen Mittelalter nur aus einem Turm, aus solchen Türmen gingen dann die späteren Burgen hervor.
Die randliche Lage des roten Brandschuttes hat ihre Ursache in der Einplanierung des Schuttberges, der nach dem Brand übrig blieb. An dieser Stelle müssen wir erwähnen, daß vom Jahre 1576 eine kölnische Archivalnotiz vorliegt, wonach damals noch Schutt und Trümmer der Burg Oer zu sehen waren. 7) Dies können aber nur die Trümmer einer jüngeren Burg gewesen sein, die später gebaut worden sein muß als die, in der jener Heinrich von Oer, um 1189 gewohnt haben mag, wie weiter unten gezeigt werden soll. In diesem jüngeren Brandschutt fanden sich viele Reste der Siegburger Steinzeugkeramik, wie schon erwähnt wurde. Diese stammt vom Ende des 15. und hauptsächlich aus dem 16. Jahrhundert und muß beim letzten Brand in den Brandschutt geraten sein. Dafür spricht auch das Vorkommen von drei fast ganz erhaltenen Siegburger Krügen, die dicht zusammen am Nordrand der Burgfläche im Brandschutt auf dem Gräfterand lagen.

Es muß also im 15.-16. Jahrhundert noch eine Burg Oer bestanden haben, die dann durch Feuersbrunst eingeäschert wurde. Sollte sich die Archivalnotiz von 1576 auf die durch diesen Brand zurückgelassenen Burgtrümmer beziehen? Möglich ist es schon. Nach dieser Feuersbrunst ist aber auf dem Burghügel wieder gebaut worden, wie steinerne Fundamentreste in dem genannten roten Brandschutt ausweisen (Bild 3). Diesmal wurden für die nur etwa 0,30 m breiten Fundamente Findlingssteine und Bruchsteine vom nahegelegenem Stimberg verwendet; die Fundamentreste davon haben wir im Boden gelassen. Auf diesen schwachen Steinfundamenten können nur Bauten oder auch nur ein Bau aus Fachwerk gestanden haben. Ubrigens haben wir im roten Brandschutt wenige Stücke hart gebrannten Wandbewurfs aus Lehm gefunden, die von dem Bau stammen, der wahrscheinlich im 16. Jahrhundert abbrannte. Wie lange der Burghügel bewohnt gewesen ist, können wir nicht feststellen, falls sich nicht bei einer späteren, umfassenderen Ausgrabung datierende jüngere Scherben finden. Die letzten Bewohner brauchen nicht Angehörige der Familie von Oer gewesen zu sein. Irgend ein Pächter kann darauf gesessen haben, vielleicht bis in das 17. Jahrhundert hinein. Allerdings, wie wir es bei der Ausgrabung erfahren haben, kann es kein Vergnügen gewesen sein, hier in der Bachaue und in der sumpfigen Niederung zu wohnen. Durchgehende Steinfundamente der jüngsten Bewohnung konnten nicht festgestellt werden, wegen der Steinarmut der Landschaft waren sie wohl herausgerissen und wieder woanders verwandt worden. Denn Steine vom Stimberg heranschaffen war zeitraubend und schwierig.


Abb.3: Der über 70m lange Suchgraben überschneidet an seinem westlichen Ende
die Burgfläche mit den Resten von Steinfundamenten. An den oberen Rändern des
Suchgrabens ist die Hügelnatur zu erkennen. (Maßstab 50cm)

Damit sind unsere Ausgrabungsergebnisse nicht erschöpft. Um, wie schon erwähnt, möglichst wenig von der Burgfläche zu zerstören, haben wir nur etwa in der Mitte der Burgfläche nur ein kleines, tiefgehendes Schürfloch gegraben und dazu Bohrungen vorgenommen. Dabei ergab sich eindeutig, daß unter dem roten, jüngeren Brandschutt noch eine ältere liegt. Diese besteht hauptsächlich aus schwärzlichem Sand, der durch die Feinverteilung von Holzkohlen seine Färbung erhalten hat. Diese Feinverteilung erforderte einige hundert Jahre, worauf auch die Festigkeit dieses sandigen Brandschuttes hinweist. Da es sich nur um ein kleines Schürfloch handelt, haben wir keine weiteren Funde in dieser älteren Brandschicht tätigen können.

Es wäre nicht mehr als eine Spekulation, wenn wir sagten, die ältere Brandschicht stamme aus dem 14. Jahrhundert, in dem die Herren von Oer zur Horneburg umgesiedelt und ihre Stammburg niedergebrannt hätten. Das eine wissen wir sicher
: zweimal ist die Burg abgebrannt und nach dem letzten Brand wieder bewohnt gewesen.

Die Stammburg von Oer

Wie erwähnt, war die Burgfläche (Burghügel) rund. Das ist aber keineswegs die Regel. Die Stammburg Sienbeck war langoval (Innenfläche 53x30 m groß), auch die von Altmengede, die von Krange (Wanne-Eickel) rechteckig mit abgerundeten Ecken. Die Stammburg Eickel war ebenfalls oval. Die Strünkeder Stamm- oder Erdburg dagegen rund; deren Burgfläche betrug etwa 40 m Durchmesser. Auch im benachbarten Niederrheingebiet gibt es runde, ovale und eckige Burgflächen. Nun erhebt sich die Frage: lag die Erdburg Oer auf einem Erdhügel in der Bachaue oder lag sie auf gleicher Höhe wie das umgebende Gelände? Nach reiflicher Uberlegung und Ausdeutung des Ausgrabungsbefundes neige ich dazu, einen Erdhügel (Motte) anzunehmen. Rings um unsere Burg haben wir das Gelände abgebohrt und sind nirgendwo bis 1 m Tiefe (unser Erdbohrer mit Nute unten, hat 1,22 Totallänge) auf primären Sand gestoßen. Auch der erwähnte über 70 rn lange Suchgraben Ost-West überquerte nirgendwo gewachsenen Sandboden; der tiefere Untergrund besteht aber aus einem grauen Sand, der ungefähr bei 1,50 m bis über 2 m ansteht (durch Schürflöcher ermittelt).Wir dürfen somit annehmen, daß im 12. oder schon im 11. Jahrhundert in der Bachaue, als diese 1,50 bis 2 m tiefer lag als heute ein großer Sandhügel aufgeschüttet wurde; man mag dafür den Sand benutzt haben, der beim Ausheben der Gräfte anfiel. Danach müßte also die erste Gräfte in den anstehenden Sandboden eingetieft worden sein. Der Burghügel kann vielleicht nur 1,50 bis 2 m hoch gewesen sein. Die Innengräfte, wie wir sie nennen wollen, wie alle folgenden Gräften, wurden von dem Silver- oder Gr. Bach mit Wasser versorgt. Aus den Anschwemmungen, namentlich den Überschwemmungsschlick, durchgehende Streifen, sowie Sandlinsen in der Gräfte der jüngeren Burgen wissen wir, daß so eine Gräfte in wenigen Jahrhunderten durch Ablagerungen aufgefüllt wurde, aber auch das umgebende Gelände. Wäre dem nicht so gewesen, so läge in Oer die Burgfläche des sandigen Burghügels heute nicht mit dem übrigen Gelände gleich. Nicht durch menschliches Einwirken sind Gräften und Umgebung ausgefüllt worden; die Struktur der Ablagerungen beweist natürliche Entstehung. Daran gibt es keine Zweifel; soweit reichen unsere geologischen Kenntnisse sicherlich, um das festzustellen, und dann haben wir ja auch einige Jahrzehnte Erfahrung. Aus den vorstehenden Mitteilungen ergibt sich, daß ursprünglich ein aufgeschütteter Burghügel oder Motte, wie sie in der Fachsprache genannt werden, vorhanden war.
Hinzu kommt noch, daß im 16. Jahrhundert oder wenig später die Innengräfte noch zum Teil offen war; denn der rote Brandschutt liegt auf dem Hügelabhang schräg auf dem Innenufer der Gräfte. Heute aber ist auch dieser Brandschutt in seiner untersten Schrägpartie von natürlich entstandenen Ablagerungen überdeckt, und zwar von Auelehm mit einem etwa 3 cm breiten langdurchgehenden Sandband. Somit ist die Innengräfte, sagen wir in über 300 Jahren, durch natürliche Ablagerungen total aufgefüllt worden, und zwar so, daß die Oberfläche fast ganz mit der Umgebung auf einer Höhe lag. Dieser Vorgang ist auch Beweis dafür, wie schnell - imgeologischen Sinne - namentlich durch bewegtes Wasser, Ablagerungen entstehen können, auch wenn, wie in unserem Falle, nur periodische Uberschwemmungen in Frage kommen. An der Burg Oer ist somit das Gelände in etwa 300 Jahren um etwa 1 m aufgestockt worden. Einzelne Scherbenfunde der genannten Siegburger Keramik in der Gräfte, einige Meter weit vom Burghügel beweisen, daß die Gräfte mindestens noch im 16. Jahrhundert offen war.

Obwohl wir infolge des Grundwassers nicht bis zur Hügelbasis vordringen konnten, muß mit aller Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß ein aufgeschütteter Burghügel vorhanden war. Zu dem bereits Gesagten, möge noch hinzugefügt werden, daß im westlichen und nördlichen Schnitt am Hügelrand eine Lage heller Lehm zum Vorschein kam, und zwar unter dem jüngsten Brandschutt. Vermutlich sollte die Lehmlage den oberen Hügelrand vor Abschwemmungen durch das Gräftewasser bewahren.

Wie schon erwähnt, hat mindestens in der älteren Periode der Erdburg auf dem Hügel ein Turm gestanden, der zwei- oder dreistöckig war und der Herrschaft dadurch genügend Wohnplatz bot. Dieser viereckige Turm kann eine Grundfläche von 6 bis 10 m besessen haben. Das ergab eine Wohnfläche von 36 bis 100 qm, bei flacher Wohnweise, aber zwei Stockwerke waren sicherlich vorhanden. In diesen Falle hätten wir 72 bis 200 qm Wohnfläche. Bei den bescheidenen Bedürfnissen in damaliger Zeit Raum genug, auch für eine adelige Familie. Wir dürfen wohl eine Grundfläche von 8 x 8 m annehmen, die wahrscheinlich durch eingezogene Wände unterteilt war.

Über die Innengräfte führte natürlich eine leicht abzubrechende Brücke aus Holz. Reste davon (Pfahlbasen) werden vielleicht noch gefunden werden, wenn die Gräfte zum Teil ausgehoben wird. Ob sich am Außenrand der Innengräfte ein umlaufender Erdwall befand, könnte festgestellt werden; denn er müßte gleich wie der Burghügel aufgeschüttet worden sein. Verflachte Reste davon oder die Basis müßten sich finden lassen, wenn ein Wall vorhanden war. Auf der Wallkrone kann sich ein starker Palisadenzaun befunden haben, der anstürmende Gegner aufhielt, falls sie ihn nicht stellenweise abbrannten. Immerhin war die Palisade von Nutzen und die Burgbewohner fühlten sich hinter Gräfte und Palisade sicherer. Insgesamt gesehen waren diese Erdburgen nach unseren heutigen Anschauungen erbärmliche Befestigungen, die nur vor der Zeit des Schießpulvers existieren konnten.

Erdwallburg Holtrop am Niederrhein; Rekonstruktion eines Wohnturmes inmitten einer
Gräfte, (Aus Bonner jahrbuch 1960). So etwa haben wir uns auch die Erdburg Oer vorzustellen.

Im übrigen wurden diese frühen Erdburgen von Steinburgen abgelöst. Das sahen wir schön und deutlich an der Sienbeck, wo außerhalb der ovalen Innengräfte, sofort an ihr, das Fundament eines größeren Steinhaues zum Vorschein kam, der aufgrund der zu datierenden vielen Scherbenfunde in das 13. Jahrhundert, frühestens in das Ende des 12. Jahrhunderts datiert werden kann. Am besten sagen wir um 1200, denn es waren auch rötlich bemalte Scherben der sogenannten Pingsdorfer Keramik dabei, die bei uns nach allen bisherigen Befunden im 13. Jahrhundert nicht mehr vorkommt.

Nicht alle Landadeligen haben ihre Erdburgen verlassen und sind an anderen Stellen seßhaft geworden oder haben nebenan oder ganz in der Nähe eine steinerne Burg erbaut. An dem runden Grundriß der Burg Horst (Gelsenkirchen-Buer), wie ihn eine Abbildung aus dem 16. Jahrhundert zeigt, sehen wir deutlich, daß sie an Ort und Stelle aus einer runden Erdburg hervorgegangen ist. Anstelle des Turmes wurde eine mehrteilige steinerne Burg mit mehreren Türmen errichtet. Sie und der Hofraum wurden mit einer hohen, starken Mauer umgeben; davor lag die breite Gräfte. Was als Hofraum angesehen wird, kann auch eine innere Gräfte sein, die die Burg umfloß. Stimmt das, dann lag die Ringmauer (wie der erste oder innere Erdwall bei den Erdburgen) vor der Innengräfte nach außen.

Die Funde

Am wichtigsten und interessantesten sind einige kleinere Stücke Schiefer. Das größte Stück ist dreieckig gebrochen und 11 x 8 cm groß bei fast 6 mm Dicke. Das zweitgrößte Stück ist fast quadratisch und 10 x 6,5 cm groß. Diese beiden Schieferplatten stammen von zwei verschiedenen Stücken. Die eine ist nämlich rauhgeriffelt, die andere dagegen glatt, zum Beschreiben einladend und sie ist tatsächlich beschrieben mit ganz feinen, zarten Buchstaben, die 2 bis 5 mm hoch sind. K. Kollmann und ich entdeckten die Buchstaben nur dadurch, daß wir sie in günstige Position zu einer Leuchte brachten. Inzwischen habe ich es dutzendemal versucht, die einzelnen Worte, Zahlen und merkwürdigen Zeichen zu entziffern, aber nur das Wort »nacht« glaube ich entziffert zu haben. Insgesamt habe ich den Eindruck, als sei beiderseitig auf dem Schieferstück irgendeine Formel oder ein

Abb. 4: Erdburg Oer. Die drei gefundenen Siegburger Steinzeugkrüge
aus dem roten Brandschutt. 1 ist 21 cm hoch

Zauberspruch eingeritzt worden, was aber nicht als sicher angesehen werden darf. Auf der einen Schieferfläche ist durch Zirkelschlag ein auf der Spitze stehendes Dreieck mit gebogenen Linien erzeugt worden. Dies Dreieck ist der Rest eines exakten Kreises von etwa 9 cm Durchmesser, der im Innern durch Dreiecke, die mit den Spitzen gegeneinander standen, unterteilt war. Dies Fundstück soll einem Schriftenkundigen zur Deutung übergeben werdern. Es ist auch insofern von Bedeutung, weil es ein Licht wirft auf Schieferfunde die in alten Burgen gemacht worden sind. An der Vorburg Strünkedi an der Sienbeck und auf der Ruine Blankenstein haben wir ebenfalls Schieferstücke gefunden, aber stets nur soviel, wie zu einer Kinderschultafel reichten. Jetzt haben wir die Lösung: die Schieferstücke gehören zu Tafeln, auf denen man im Mittelalter geschrieben hat. Im Falle Burg Oer wurde die Schrift wahrscheinlich mit einem Stilus zart eingeritzt. Somit hat uns die Erdburg Oer ein Geheimnis verraten. Da dieses beritzte Schieferstück in dem roten Brandschutt lag, wie die anderen Stückchen, so stammt es wahrscheinlich aus der Zeit um 1500.

Die übrigen Funde können wir hier noch nicht beschreiben weil die dazu unbedingt notwendigen Zeichnungen noch nicht hergestellt sind.

Zum Schluß sei noch ganz besonders gedankt dem Landwirt Joseph Schulte- Oer der uns in so großzügiger und vorbehaltloser Weise erlaubte, auf seinem Grundstück die notwendigen Grabungen vorzunehmen.

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1)H. Pennings, Gesch. der Stadt Recklinghausen und ihrer Umgebung 1, S. 319 ff.., nicht im Original?: J. Menke, die Gesch. des Reicbsh. Oer (von seinen Anfängen bis zur Bauernbefr.), Vest. Zeitschr. 33 (1936), S. 14-91.
2) Erhard Codex Dipl. Nr. 491.
3) Ausführliäe Darstellung bei Pennings a. a. 0., S. 324 ff.
4 Befindet sich jetzt in der Heimatstube Alt-Oer.
5) Zur Geologie des Kaninchenbergs und seiner Umgebung vergl. K. Brand, Kames im Kr. Recklinghausen, Vest.    Jahrb. Bd. 63 (1961) S. 5f.
6) Das Meßtischblatt Recklinghausen nennt den Bach Cr. Bach.
7) Abgedruckt bei J.C.H. Rive, Über das Bauerngüterwesen in den Grafschaften Mark, Recklinghausen Dortmund,    Köln 1824ff. XVII S. 406, s. auch J. Menke a.a.O., S. 36, Anm. 66

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