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Vom Eiszeitalter in Oer Eiszeitlicher Kames am Südrand der Haard, Entstehung des Kaninchenberges Im Kreis Recklinghausen gibt es eine
große Anzahl pleistozäner (Pleistozän ist die neue wissenschaftliche
Bezeichnung für das Eiszeitalter oder Diluvium) Erscheinungen, Bildungen und
Klimaeinwirkungen, die teils unbekannt und teils ihrer Entstehung nach
umstritten sind 1). Zunächst sei auf eine Spezialbildung aus
einer Kaltzeit (früher auch Eiszeit genannt) am Südrande der Haard nordwestlich
von Oer hingewiesen. Hier befand sich etwa 350 m nordöstlich des Kaninchenbergs
bis vor wenigen Jahren eine Sandgrube, die erst nach 1945 angelegt worden war.
Die Wände dieser Ablagerungen waren bis 4 Meter hoch und bestanden aus einem
gelblichen, stellenweise eisenschüssigem Sand, der nicht zu dem primären Sand
der Haard passte. Letztere gehören zeitlich und ihrer Entstehung nach zur
Oberen Kreideformation, zur Unterstufe des Unter Senons der Halterner Fazies.
Die in der Sandgrube anstehenden Sande stammen ihrer Masse nach aus dem
Untergrund der Haard, sind aber im Pleistozän umlagert worden, wie insbesondere
etwa nußgroße Findlingsgesteine aus den skandinavischen Ländern erweisen
(Reste dieser Sande stehen in der ehemaligen Sandgrube noch an). Zunächst war die Entstehung dieses
flachen Sandhügels, in dem die Sandgrube angelegt war, nicht zu erklären, bis
der führende Pleistozängeologe Paul Woldstedt diese Ablagerung erklärte 2).
Danach haben wir hier noch einen echten Kames vor uns, spezieller einen
Kernkames. Kames nennt man eine Schmelzwasserbildung besonderer Art. In breiten
Rinnen in der abschmelzenden Inlandeisdecke sammelten sich Schmelzwasser des
Inlandeises und flossen in Richtung des Rinnengefälles ab; in unserem Falle
Südwest in Richtung auf den Kaninchenberg3). Sehr wahrscheinlich gehört dieser
noch zu unserer Kamesbildung. Das wird eigentlich zur Gewissheit, denn die
Kamesablagerungen in der genannten Sandgrube hängen mit dem Kaninchenberg
zusammen, wie auch die Höhenkurven auf dem Messtischblatt Recklinghausen
zeigen; besonders hervorstechend die Höhenkurven 80 Meter ü. NN. Nun besteht der Kaninchenberg teils aus
Kiesen mit heimischem und nordischem Geschiebe. Daraus darf geschlossen werden,
dass die Transportkraft des "Kamenflusses" namentlich anfänglich
stärker war und auch die schweren Gerölle transportieren konnte. Vielleicht
stellt der Kaninchenberg die Mündung des Flusses aus dem Kames dar, so dass es
hier zur Aufschüttung eines Schuttkegels kam. Diese Kamesbildung war ursprünglich
höher, ist aber durch Jahrtausende verflacht. Nach dem genannten Messtischblatt
ist der Kamessand heute an der Basis (in der Höhe des Rüslinghofes) etwa 750-800
Meter breit und erhebt sich heute bis zu einer Höhe von etwa 10-12 Meter. Die Schmelzwasserrinne wurde durch das
hindurch fließende Wasser vertieft und verbreitert, was später durch die
Auflagerung von Sand verlangsamt wurde. Schließlich schmolz auch das die Rinne
bildende Inlandeis ab und die Folge davon war das Einstürzen der beiden
Langwände der Sandablagerung, da sie ihre Stützen verloren hatten 4) . Daher
fallen die Seitenflächen eines heutigen Kames, der durch die viele Jahrtausende
lange Lagerung stark verflacht ist, von der Stelle an schräg nach außen ab, wo
früher die Eiswände standen (siehe Abb. 2). Abb. 1. Schematische Darstellung der Bildung eines
Kernkames. Nachgezeichnet nach P. Woldstedt (2), Abbildung 60. a = Schmelzwasser in einer Rinne im Toteis , b = das Schmelzwasser in der Rinne (=
Flußbett) wäscht den Boden der Eisrinne aus,
c = der Eisboden ist verschwunden. Es setzt der Druck der Eisseitenwände
auf den Untergrund ein, der sich infolge des starken Druckes in der Mitte
aufwölbt, d = das Toteis ist gänzlich
abgeschmolzen; zurück blieben die Sande und Kiese aus dem Flussbett im Eise und
darunter der aufgewölbte Untergrund (Kern). Erstere sind total verflacht.
Abb. 2. Die östliche Seite des Kernkarnes
am Haardsüdrand, nordwestlich von Oer. Der Pfeil zeigt die Abbruchstelle der
Ablagerungen nach Osten, wo ehedem die östliche Seitenwand der Flussrinne im
Toteis stand; bis zum Pfeil von links gesehen liegen hier die Sande waagerecht
und fallen vom Pfeil an nach rechts (Osten) unvermittelt schräg nach außen ab.
Foto 1953. Inlandeises an und schmilzt ihn allmählich ganz fort, so dass das fließende Wasser den Untergrund angreift. Da nun der Eisboden in der Rinne nicht mehr den Druck der Eisseitenwände auffing, drückten diese auf den erdigen Untergrund und zwar so stark, dass sich dieser in der Mitte zwischen den Eiswänden emporwölbte, einen lang durch die Rinne sich hinziehenden niedrigen Rücken oder Buckel bildend. Hier am Haardsüdrand lag unter dem
Kernkames eine Schicht Grundmoräne, wie es auch anderswo beobachtet worden
ist, wovon in der Mitte Teile hochgepresst worden sind. All das hier erwähnte
war auch am Haardsüdrand zu sehen, die abgestürzten Seiten der Sandaufschüttung
in der ehemaligen Inlandeisrinne und der in der Mitte der Rinne aufgepresste
Untergrund (Abb. 3). Das Vorkommen dieser Grundmoräne unter (1) der
Kamesablagerung beweist, dass die Inlandeisdecke schon weiter vorgestoßen war
und so die Grundmoräne zurückließ. Bei dem durch Abschmelzen bewirktem Rückzug
des Inlandeises entstand der Kames. Wir haben somit nachgeschüttete (im
Gegensatz zu vorgeschütteten, beim Vordringen der Inlandeisdecke) Ablagerungen,
vor uns. Voraussetzung ist bei dieser Klassifizierung, dass nur eine einzige
(!) Inlandeisdecke unser Heimatgebiet überfuhr, so dass Grundmoräne und
Kernkames einer einzigen Inlandeisdecke angehören. Überfuhren aber zwei
Inlandeisdecken unser Gebiet, kann die Grundmoräne der zuerst angekommenen angehören;
in diesem Falle müssten wir bei den Kamesablagerungen von vorgeschütteten Sanden sprechen 4). Diese
Frage vor- oder nachgeschüttet möchte ich hier nicht entscheiden. Nachdem am Haardsüdrand ein echter
Kernkames beobachtet worden ist und zwar durch die Anlage einer Sandgrube, ist
anzunehmen, dass hier weitere nach Südwest verlaufende flache Sandhügel solche
Kames sind und wesentlich zur Oberflächengestalt dieses Gebietes beigetragen
haben. ------------- 0, Müller, Eiszeit und Eiszeitmensch, beide in
Vestische Zeitschrift, 37. Bd., 1930, S. 1-59. 2) Im Jahre 1953 hat
sich Prof. Dr. Paul Woldstedt, Bonn, - er ist u. a. Verfasser des zweibändigen
Werkes "Das Eiszeitalter“, F. Enke Verlag, Stuttgart, des grundlegenden
Werkes über das Pleistozän, - mehrere Tage unsere heimischen pleistozänen Ablagerungen
usw. angesehen und gedeutet. 3) K. Molly, a. a. 0., S. 13 und 14. 4) P. Woldstedt, a. a.
0., S. 130, "Gelegentlich hat bei der Aufschüttung kamesartiges Gebilde
das Eis nur die eine Wand gebildet, während an der anderen Seite ein Talhang
oder sonstige Erhebung lag." Ähnlich hat sich K. Molly a. a. 0., S. 14
ausgesprochen. Nur nimmt er zwei Talwände an. 5) Jahrzehntelang wurden diese u. a. Aufschlüsse von dutzenden Exkursionen immer wieder aufgesucht, namentlich unter Führung von Dr. Ulrich Stensloff (+), K. Molly, 0. Müller. Seit einigen Jahren ist das nicht mehr der Fall; uns fehlt jetzt der Nachwuchs, wie auf anderen Gebieten der Heimatforschung.
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